Die Hügel der Romagna

Die Stärke eines Raums.

Die Weinberge der Tenuta Colombarda liegen in der Gemeinde Cesena, im Vorort San Vittore (Ortsteil Valle Savio, Abb. 1) in einer morphologisch und ökologisch ausgesprochen angenehmen Gegend, die Besucher sofort für sich einnimmt. Das Anwesen erstreckt sich zwischen den sanften Hügeln des Apennins von Cesena (Abb. 2), orographisch links vom Fluss Savio (der mit seinen 126 km der längste Fluss Romagnas ist) und schaut natürlich auf die Ebene und die Adria. Eine Gegend, in der die ersten Ausläufer des Apennins in die Ebene übergehen, wie schon aus den Versen Dante Alighieris über Cesena und ihr Gebiet deutlich hervorgeht: „E quella cu’ il Savio bagna il fianco, così com’ella sie’ tra il piano e ’l monte […]“ („Und jene Stadt, welcher der Saviofluss die Seite dort wässert, so wie sie in der Ebene und in Bergen liegt […], Hölle, 27. Gesang, Verse 52 – 53).

Schon im Mittelalter waren die ersten Ausläufer der Hügel vor Cesena ausgesprochen fruchtbar für Getreide, Obstbäume und Reben (Turci, online http://www.turci.biz/Tesi.htm). Als Ravenna die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs wurde (6. – 8. Jahrhundert) wurden in allen wichtigen Landwirtschaftszentren so genannte Dominica- bzw. Domnicalia-Häuser gegründet. Dabei handelte es sich um eine Art Landwirtschaftsbetriebe, die von einem Diakon der Kirche Ravennas mit dem Titel Dominicus Major verwaltet wurden. Buzzi (1915) erwähnt unter den Dominica-Häusern des Cesena-Gebiets: „plebe S. Stefani in Giminiano“ (8 92); „plebe S. Mariae in Pado Vetere“ (908); „plebe S. Viti“ (952); „plebe Ss. Gervasi et Protasii“ (957); „plebe S. Tomei in monte Paterno“ (1022) und zahlreiche andere. Die Faktoren, die die Landschaft geprägt haben, in der sich Tenuta Colombarda befindet, sind zahlreich und komplex. Einige davon nahmen viele Millionen Jahre in Anspruch, darunter die geologische und tektonische Entwicklung der apenninischen Gebirgskette, die lithologischen und strukturellen Merkmale des Grundgesteins, die Abfolge der quartären Klimaereignisse, das Gewässernetz und nicht zuletzt die menschliche Aktivität.

Abb. 1. Der Weinbaubetrieb Tenuta Colombarda liegt in der Nähe von San Vittore im Ortsteil Valle Savio, Gemeinde Cesena (Kartenauszug im Maßstab 1:100.000 aus dem territorialen Informationssystem SIT Comune Cesena online).

Lithologisch gesehen zeichnet sich das gegenständliche Gebiet hauptsächlich durch Erhebungen aus sandigen und pelitisch-sandigen Lithotypen aus dem Miozän sowie deren auf Zerfall und Abbau zurückzuführenden Begleitprodukten aus, wobei in einigen Fällen auch Erdrutsche gegeben sind, an die der Flurname Via delle Motte erinnert (Abb. 3; motta = Erdrutsch, Felsrutsch). Verbreitet sind auch jüngere terrassenförmige Hochflut- und Deckablagerungen kontinentalen Ursprungs, vorwiegend sandiger und kiesiger Art, mit Hangschutt und eluvialen-kolluvialen Ablagerungen, manchmal auch in beträchtlich dicken Schichten wie es im Weinberg Colombarda 2 der Fall ist (Abb. 2, 4 und 7).

An die lithologischen Merkmale des Grundgesteins und den strukturellen und tektonischen Aufbau ist die Entstehung der anders aufsteigenden Hänge gebunden, auf denen die Weinberge der Tenuta Colombarda liegen, mit Hangbrüchen und Böschungen selektiver Erosion, zu deren Bildung die Erosionswirkung des sekundären Flussnetzes und die Schwerkraft beitrugen (Abb. 4, 6, 7, 8, 9). Das Gerüst dieser Reliefs zeichnet sich durch das Zutagetreten von Sandstein-Mergel aus, eine von den Abruzzen bis Emilia verbreitete geologische Formation (Ricci Lucchi, 1986), die im betroffenen Gebiet auf eine Zeit zwischen dem Serravallium und dem Tortonium zurückgeht (circa 14 – 7 Ma).

Das der Studie zugrunde liegende Gebiet (Provinz Forlì – Cesena) liegt am Rande des Apennins und des Po-Tals und fällt aus der Sicht der jüngsten geologischen Kartierung in das Blatt 250 „Cesena“ im Maßstab 1:50.000 des geologischen Dienstes Servizio Geologico d’Italia, Region Emilia-Romagna (Abb. 5; Benini et al., 2010).

Die Reliefs des Apennins von Cesena, die in der Umgebung der Tenuta Colombarda Höhen von etwas über 300 m erreichen, sind Teil der Apenninkette, die sich im Zuge der alpinen Orogenese durch Kollision zwischen der europäischen Kontinentalplatte und der an die afrikanische Platte gebundenen adriatischen Mikroplatte bildete.

Abb. 2. Das Anwesen Tenuta Colombarda liegt in Via Colombarda, im Vorort San Vittore (eingekreiste Gegend). Im Luftbild sind mit den Nummern 1 bis 4 die Bereiche der diesem Bericht zugrunde liegenden, betriebseigenen Rebflächen eingezeichnet (aus dem territorialen Informationssystem SIT Comune Cesena online).

Abb. 3. Das Toponym Via delle Motte in der Nähe des Geländes der Tenuta Colombarda in Via Colombarda (Kartenauszug im Maßstab 1:25.000 aus dem territorialen Informationssystem SIT Comune Cesena online).

Abb. 4. Geologische Karte des dem Anwesen Tenuta Colombarda angehörenden Geländes: 1 – 4 betriebseigene Weinbergbereiche. FMA 12a: Sandstein-Mergel-Formation, Unterformation von Castel del Rio; AES5: Subsynthem Torrestagni; AES6: Subsynthem Bazzano; a2b,g: eluviale–kolluviale und Hangablagerungen durch Erdrutsch, rot wenn aktiv, blau wenn ruhend (Kartenauszug im Maßstab 1:25.000 aus der geologischen Kartographie Cartografia Geologica Region Emilia-Romagna online).

Abb. 5. Auszug aus dem geologischen Tiefenquerschnitt durch den Fluss Savio bei den Ortschaften San Vittore und Cesena mit Angabe der jüngsten kontinentalen Ablagerungsarten (Mod. aus Blatt 255 „Cesena“; Benini et al., 2010)

Die Kollision, die das sardische-korsische Massiv miteinbezog begann im Tertiär (Mittel- und Obereozän, 45 – 37 Ma), nachdem die in der Unterkreide begonnene Schließung des Piemont-Ligurischen Ozeans ihren Abschluss gefunden hat. Ab dem Oligozän (30 – 28 Ma) führt die Druckverformung zur Bildung eines Vortiefenkettensystems, das mit der Zeit und im Raum von Westen (Bereich Toskana) nach Osten (Bereich Umbrien-Marken) durch die Halbinsel bis zur Adria wandert.

In der Vortiefe findet die Turbiditsedimentation statt (Ricci Lucchi, 1990) und als die Kettenfront im Miozän den Bereich Umbrien-Marken erreicht, öffnet sich ein neues Vortiefebecken, in dem die Ablagerung von Sandstein-Mergel stattfindet (Ricci Lucchi, 1986). Auf die verdichtenden Phasen, die für die Stapelung der wichtigsten tektonischen Einheiten der Apennin-Kette verantwortlich sind, etabliert sich ein entspannendes Regime, das mit der Zeit ebenfalls von SW nach NO wandert und durch eine Serie, hauptsächlich gegen Westen entstehender normaler Verschiebungen zur teilweisen Abspaltung des vorab gebildeten strukturellen Gefüges führt.

 

Die Sandstein- und Mergelformation, die Teil der Sedimentabfolge Umbrien-Marken- Romagna ist, ist eine der stärksten und gebietlich am weitesten verbreiteten Turbiditeinheiten des nördlichen Apennins. Sie besteht aus Sandstein, Silt und Mergel, die durch Turbiditströme neuerlich abgelagert wurden. Auslöser hierfür waren Unterwassererdrutsche, Erdbeben, Stürme in einem schmalen und langen Meeresbecken am Rande der sich bildenden Apenninkette (Vortiefe). Die in apenninische Richtung, NW-SO WNW-OSO, ausgerichtete Achse der Ablagerungen dieses Beckens verschob sich mit der Zeit nach NO, was die Verformung der Kette und die Entwicklung von Falten- und Überschiebungsstrukturen (Thrust) zur Folge hatte, die mit Richtung NO in das adriatische Vorland wanderten (Boccaletti et al., 1980).Auf regionaler Ebene unterteilten die Autoren die Mergel- und Sandsteinformation in 14 Subformationen, die sich durch ein variables lithologisches Verhältnis der Sandstein-Pelit-Paarung der Turbiditablagerung charakterisieren. Im Gebiet des Anwesens Tenuta Colombarda tritt die Mergel- und Sandsteinformation als Unterformation Castel del Rio zutage (Abb. 4: FMA 12a) und kann an den Böschungen am Rand der bestockten Flächen auf der Westseite der Fläche 1 (Abb. 6) südlich der Fläche 2 (Abb. 7) und nördlich der Fläche 3 (Abb. 8) beobachtet werden.

Von einem lithologischen Standpunkt her gesehen setzt sich die Unterformation Castel del Rio aus Sandstein- und Pelitturbiditen mit sehr unterschiedlichen lithologischen Merkmalen zusammen. Insbesondere sind im berücksichtigten Gebiet grobe bis feine, nicht sehr zementierte feldspathaltige Sandsteinformationen zu beobachten, die in dezimetrisch dicken (Weinberg 3, Abb. 8) bis metrisch dicken Schichten organisiert sind. Die stärksten Schichten, zuweilen auf mikrokonglomeratischer Basis, enthalten pelitische Einschlüsse und präsentieren sich in mehrere Meter starken, amalgamierten Schichten (Weinberg 1, Abb. 6). Im berücksichtigten Gebiet tritt ferner Altschutt aus dem Spätquartär zutage, der auf das Supersynthem Emilia-Romagna im mittleren Pleistozän – Holozän (ca. 650.000 Jahre BP – Heute) zurückzuführen ist. Das Supersynthem Emilia-Romagna ist die stratigraphische Einheit, welche die Gruppe der Quartärablagerungen kontinentalen Ursprungs umfasst, die am Rande des padanischen Apennins zutage treten, und der daran gebundenen Ablagerungen im Untergrund der Emilia Nischen Ebene (Martelli, Amoroso, Severin, 2009).

Abb. 6. Topographischer Verlauf des Hanges mit Weinberg „1“ (Kartenauszug im Maßstab 1:2000 aus dem territorialen Informationssystem SIT Gemeinde Cesena online).
Der Höhenkurvenverlauf deutet auf die Präsenz einer Unterebene um 155 m ü. d. M. hin, die sich durch terrassenartig angeordneten Altschutt des Subsystems von Torrestagni auszeichnet, das wiederum ziemlich schnell zu Böschungen (am westlichen Rand) und Hangbrüchen (am östlichen und am südlichen Rand) abfällt.

Abb. 7. Topographischer Verlauf des Hanges mit Weinberg „2“ (Kartenauszug im Maßstab 1:2000 aus dem territorialen Informationssystem SIT Comune Cesena online).
Der ziemlich diskontinuierliche und unregelmäßige Verlauf der Höhenkurven legt Hangbrüche und Böschungen nahe, die die Morphologie dieses Hanges auszeichnen.

Abb. 8. Topographischer Verlauf des Hanges mit Weinberg „3“ (Kartenauszug im Maßstab 1:2000 aus dem territorialen Informationssystem SIT Comune Cesena online). Die ziemlich gleichförmige Verteilung der Höhenkurven deutet auf einen monoklinalen Verlauf in Richtung NO hin, der die Morphologie dieses Hanges charakterisiert.

Abb. 9. Topographischer Verlauf des Hanges mit Weinberg „4“ (Kartenauszug im Maßstab 1:2500 aus dem territorialen Informationssystem SIT Comune Cesena online).
Die ziemlich gleichförmige Verteilung der Höhenkurven deutet auf einen monoklinalen, manchmal von kleinen Böschungen unterbrochenen Verlauf in Richtung O hin, der die Morphologie dieses Hanges charakterisiert.

Im betroffenen Gebiet tritt das untere emilianische Synthem nicht zutage; aus diesem Grund sind die beobachteten terrassenförmigen Schwemmkegelablagerungen auf das obere emilianische Synthem zurückzuführen (AES, Mittelpleistozän). Die beiden unterschiedlichen Terrassenablagerungen, die im Gebiet zutage treten und im Blatt 255 „Cesena“ (Abb. 4: AES5 und AES6) kartiert sind, liegen in zwei höhenmäßig und untereinander durch eine Böschung getrennten Bereichen, die auf die Entwicklung der nachfolgenden Phasen der tektonischen Hebung der apenninischen Randzone zurückzuführen sind. Die am höchsten Punkt der Fläche Colombarda 1 (Abb. 4, 6) zu beobachtende terrassenförmige und stark erodierte Hochwasserablagerung besteht aus einer mäßig dicken Schicht an Sanden und sandigem Schluff mit nicht sehr reichlichen feinen bis mittleren Kiesen, die zu einer braun-gelben Bodenbildung geführt haben (10YR 2,5 der Munsell Soil Color Chart). Im Blatt 255 „Cesena“ ist diese Ablagerung aufgrund von Analogien der stratigraphischen und morphologischen Position im Vergleich zu den Ablagerungen der typischen, im Blatt 220 erfassten Ortschaft dem Subsynthem Torrestagni zugeordnet worden; während die mit AES6 angegebenen Ablagerungen auf das Subsynthem Bazzano (Benini et al., 2010) zurückzuführen sind. Im als Fläche 2 eingezeichneten Weinberg (Abb. 4, 7) ist eine nicht sehr ausgedehnte eluviale–kolluviale – sandige Ablagerung zu beobachten, die zu einer hellbraun – gelblichen schwachen Bodenbildung geführt hat (10YR 6/2 der Munsell Soil Color Chart).

Literaturhinweise

Benini A., Cibin U., Cremonini G., Martelli L., Severi P. (Hrsg.), 2010. Note illustrative alla Carta Geologica d’Italia alla scala 1:50.000. Foglio 255 „Cesena“. Servizio Geologico d’Italia – Regione Emilia – Romagna.

Boccaletti M., Coli M., Decandia F.A., Giannini E., Lazzarotto A., 1980. Evoluzione dell’Appennino Settentrionale Secondo un nuovo modello strutturale. Mem. Soc. Geol. It, Vol. 21, 359 – 373.

Buzzi G., 1915. La Curia arcivescovile e la Curia cittadina di Ravenna dall’ 850 AL II 18. Bollettino dell’Istituto Storico Italiano, 35.

Martelli L., Amorosi A., Severi P. (Hrsg.), 2009. Note illustrative alla Carta Geologica d’Italia alla scala 1:50.000. Foglio 221 „Bologna” . ISPRA, Servizio Geologico D’Italia. Regione Emilia–Romagna. A.T.I., 124 SS.

Ricci Lucchi F., 1986. The Oligocene to recent foreland basins of the northern Apennines. In: P.A. Allen and P. Homewood (Editors), Foreland Basins. Spec. Publ. Int. Assoc. Sedimentol., Vol. 8, 105 – 139.

Ricci Lucchi F., 1990. Turbidites in foreland and onthrust basins of the northern Apennines. Palaeogeogr. Palaeoclimatol. Palaeoecol., Vol. 77, 51 – 73. Milena Bertacchini